Gute Bedingungen für Ungarns Wirtschaft

Zum 24. Mal fand am 14. November im Pester Vigadó das jährliche Konjunkturforum der DUIHK statt, bereits zum zweiten Mal in Zusammenarbeit mit der ungarischen Investitionsförderagentur HIPA. Rund 150 Gäste erhielten aus erster Hand Informationen zur Entwicklung der ungarischen, deutschen und globalen Wirtschaft.

Dale A. Martin, Präsident der DUIHK, beleuchtete die wirtschaftliche Situation Ungarns vor allem aus der Sicht deutscher und anderer internationaler Investoren. Dazu präsentierte er wichtige Ergebnisse aus der jüngsten Blitzumfrage der DUIHK unter ihren Mitgliedern. Darin konnte die Kammer fast durchgängig die besten Umfrageergebnisse seit mehr als zehn Jahren verzeichnen, sowohl hinsichtlich der Beurteilung der Konjunkturaussichten und der eigenen Geschäftslage, als auch hinsichtlich der Investitions- sowie Beschäftigungspläne. Als größtes Risiko für die mittelfristige Geschäftsentwicklung sah eine große Mehrheit der Befragten den Mangel an Arbeitskräften an, viele aber auch den Anstieg der Arbeitskosten. [Die ausführlichen Ergebnisse der Umfrage sind hier kostenlos verfügbar.]

Langer Weg ins Spitzenfeld

Trotz der aktuellen guten Stimmung unter den Unternehmen und den positiven makroökonomischen Daten gebe es jedoch keinen Grund zur Selbstzufriedenheit, so Martin. Hinsichtlich des Wachstums, aber auch in einigen anderen Bereichen sei Ungarn im Vergleich zu anderen Ländern der Region nur im Mittelfeld zu finden. Dies gelte auch für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes, wie jüngste Studien des Weltwirtschaftsforums und anderer Organisationen belegen.

Um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, seien deshalb weitere Anstrengungen seitens der Wirtschaftspolitik erforderlich, die die Rahmenbedingungen und Entfaltungsmöglichkeiten der Unternehmen weiter verbessern. Dies sei auch das Ziel des 2017 geschaffenen „Rates für Wettbewerbsfähigkeit“ unter Wirtschaftsminister Mihály Varga, dem auch er als Präsident der DUIHK angehöre. Der Rat habe bereits erste konkrete Felder identifiziert und entsprechende Vorschläge unterbreitet, mit denen rasch und ohne übermäßigen Aufwand konkrete regulatorische oder verwaltungsseitige Hürden für Unternehmen abgebaut werden können. Dies werde zwar nicht von heute auf morgen mehr Investitionen bringen, langfristig aber in jedem Fall positive Effekte haben, so der Präsident der DUIHK.

Klasse statt Masse

Róbert Ésik ging als Präsident der HIPA vor allem auf die Bemühungen Ungarns ein, ausländischen Investoren gute Bedingungen für ihre Tätigkeit im Land zu bieten. „Wir arbeiten täglich daran, Ungarn als idealen Investitionsstandort zu stärken“, so Ésik. Er wies darauf hin, dass fast immer, wenn es um neue Investitionen gehe, Deutschland auf Platz eins stehe. Derzeit, so der HIPA-Präsident, verhandele seine Agentur mit 24 Unternehmen über neue Investitionen, mit denen 4.000 neue Arbeitsplätze in Ungarn entstehen würden.

Neu sei bei der Investitionsförderung laut Ésik, dass man bei den geförderten Projekten immer stärker auf Qualität statt auf Masse setze. Daher wurden auch neue Formen der Subventionen eingeführt, z.B. sei die Förderung von F+E-Projekten mit bis zu 25 Prozent nun auch in Budapest möglich, außerdem sei die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze nicht mehr Bedingung, wenn neue Technologien ins Land gebracht würden. In Zukunft solle das Fördersystem noch flexibler gestaltet und die Zugangsvoraussetzungen weiter gelockert werden, kündigte Ésik an. Neben neuen Investoren wolle man jedoch auch bereits hier ansässige Firmen unterstützen, z.B. durch Anpassungen im regulatorischen Umfeld, die Erhöhung der Arbeitnehmer-Mobilität oder auf dem Gebiet der Besteuerung.

Auferstanden aus Ruinen

Levente Magyar, stellv. Minister für Außenwirtschaft und Auswärtige Angelegenheiten, erklärte in seinem Vortrag: „Objektive Zahlen belegen, dass die ungarische Wirtschaft boomt.“ Seiner Meinung nach musste Ungarn nach dem Regierungswechsel 2010 „aus Ruinen“ wieder aufgebaut werden. Seitdem habe man ein investitionsfreundliches Umfeld geschaffen, Ungarn gehöre heute in mehreren Feldern zur Weltspitze und verfüge über eine der am stärksten diversifizierten Volkswirtschaften weltweit. Dennoch bestehe kein Grund, sich selbst auf die Schultern zu klopfen.

In Zukunft, so Magyar, würden neben der ökonomischen Wettbewerbsfähigkeit auch Sicherheit und Stabilität zunehmend zu einem Kriterium der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Unter diesem Gesichtspunkt sei aufgrund seiner stabilen, berechenbaren innenpolitischen Situation Ungarn besser aufgestellt als viele andere Länder der Region. In Bezug auf das internationale Umfeld erklärte der stellv. Minister, dass Ungarn heute zu den Ländern gehöre, die den europäischen Gedanken und den Geist des Christentums am entschiedensten vertrete. „Es gibt kaum ein europäischeres Land als Ungarn“, so der Vizeminister.

Bezüglich der europäischen Wirtschaft sei heute ein nennenswertes Wachstum laut Magyar nicht in den Gründungsstaaten der EU zu verzeichnen, sondern in Mittelosteuropa. Allerdings beobachte man in der EU Absichten, die Wettbewerbsfähigkeit dieser Region per Gesetzgebung zu schwächen, z.B. über die Entsenderichtlinie für ausländische Arbeitnehmer.

Weltweite Erholung – mit Risiken

Marco Wagner, Volkswirt der Commerzbank AG, ordnete die gute konjunkturelle Lage in Ungarn und Deutschland in globale wirtschaftliche Tendenzen ein. In Deutschland sei der sehr aussagekräftige Konjunkturindex des Ifo-Instituts auf einem 50-jährigen Rekordniveau, zudem habe sich der Aufschwung verbreitert: nach dem in der jüngeren Vergangenheit vor allem der private und teilweise der öffentliche Konsum das Wachstum gestützt hätten, verzeichne man jetzt auch wieder höheren Exporte und Investitionen.

Zur weltweit positiven Wirtschaftslage trage bei, dass einige „Negativszenarien“ nicht eingetreten seien. So sei der Rückgang des Wachstums in China geringer ausgefallen als befürchtet, und auch innenpolitische Verschiebungen in einigen europäischen Ländern seien ausgeblieben oder weniger dramatisch ausgefallen, so dass insgesamt die Unsicherheit in den Köpfen der Unternehmer abgenommen habe, erklärte der Wirtschaftsexperte.

Auch der Euroraum sei auf einem guten Weg, erklärte Wagner, der Internationale Währungsfonds habe gerade festgestellt, dass die Euroländer aktuell ein Drittel des weltweiten Wirtschaftswachstums erbringen. Dennoch seien einige strukturelle Probleme in Europa noch nicht ganz bewältigt. So habe es, anders als in den USA, nach der Finanzkrise keine Korrektur der hohen Verschuldung von privaten Haushalten und Unternehmen gegeben, hinzu komme die nach wie vor hohe Verschuldung der öffentlichen Haushalte. Dass die Wirtschaft im Euroraum dennoch wachse, liegt laut Wagner zum einen an der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, z.B. über den Ankauf von Staatsanleihen in gewaltigem Umfang. Dieses Geld komme nun langsam über eine steigende Kreditvergabe in der Realwirtschaft an.

Alternativen zum Protektionismus

Als letzter Redner gab Dietmar Meyer, Rektor der Andrássy Universität Budapest, einen theoretischeren Einblick in weltweite wirtschaftspolitische Entwicklungen (sowie Alternativen), und ging dabei vor allem auf generelle Fragen der internationalen Arbeitsteilung ein. Seit etwa dem 19. Jahrhundert sei die Wirtschaft in entwickelteren Ländern von einem tendenziellen Angebotsüberschuss geprägt, was die Suche nach Auslandsmärkten, Exportströme und die internationale Arbeitsteilung massiv beschleunigt habe. Weniger entwickelte Volkswirtschaften hätten darauf oft mit Protektionismus reagiert, z.T. mit erfolgreichen Modellen, die den Schutz des Binnenmarktes mit Wirtschaftsförderung im Innern verbanden, oft aber auch mit einer nicht zielführenden Abschottungspolitik. Aufstrebende Volkswirtschaft, so auch die Länder Mittel- und Osteuropas, sähen sich daher mit einer Gratwanderung zwischen beiden Positionen konfrontiert, so Meier. Nach seiner Einschätzung kann es sinnvoll sein, Märkte nicht gleich ganz zu öffnen, sondern erst die Wirtschaft im Inland zu stärken, und sie dann schrittweise zu öffnen. Dies gelte auch für Länder wie Ungarn. Dabei sei es wichtig, so der Rektor, sorgsam abzuwägen, zu welchem Wirtschaftsraum man gehören will und auf welche Güter sowie Leistungen man sich konzentrieren sollte.

Als Wirtschaftraum sei für Ungarn eindeutig Europa, genauer die EU der optimale Partner – sowohl in Bezug auf die geografische Lage und die Marktgröße, als auch hinsichtlich der bedeutsamen Frage, ob man prinzipiell mit der Dynamik des betreffenden Wirtschaftsraumes mithalten kann. In diesem Zusammenhang wies Meyer auch darauf hin, dass dies langfristig nicht über niedrige Kosten und Löhne funktioniere. Auch in Ungarn müssten vielmehr Schranken abgebaut werden, die die Wettbewerbsfähigkeit schwächen. Dazu gehören laut dem Referenten alle Faktoren, die Unsicherheit für die Unternehmen schaffen, z.B. im regulatorischen Umfeld. Zum anderen müsse aber auch marktwirtschaftliches Denken stärker ausgeprägt werden, dies sei jedoch eine Aufgabe für mehrere Jahrzehnte.

Eine Bildergalerie mit Fotos vom Konjunkturforum 2017 finden Sie hier.

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